Gedanken zur „Ausweglosigkeit“ der Textilwirtschaft in einer globalisierten Welt.
Es ist schon eine Krux mit dem nachhaltigen Handeln. Sozial soll etwas sein – und gleichzeitig ökologisch verantwortlich, Ressourcen schonend und Klima neutral – und dann auch noch ökonomisch sinnvoll. Und dann soll man nicht darüber sprechen, was man tut – denn Bescheidenheit schmückt den Engagierten und eigentlich ist das „Drüber-Reden“ eh nur eine öffentliche Beruhigung des Gewissens. Aber wenn man nicht darüber spricht, dann merkt es doch keiner, und dann kann keiner dem Vorbild folgen und dann ändert sich doch auch nichts. Und dann soll das ganze auch noch in einer komplexen globalisierten Welt funktionieren. In einer Welt, in der Wirkung und Gegenwirkung so miteinander verwoben sind, dass man unterm Strich eigentlich nichts richtig machen kann.
Ein Beispiel gefällig? „Act local, think global.“ ist der Leitsatz von erfolgreichen Unternehmern und Unternehmerinnen, die auch viele Auszeichnungen im Umfeld nationaler Nachhaltigkeitspreise und viel öffentliche Aufmerksamkeit ernten. Doch schaut man hinter diesen Leitsatz, dann tun sich Fragen auf – Fragen die sicherlich auch unter der Bemerkung „Ist ein Deutscher Nachhaltigkeitspreis nicht ebenso paradox absurd, wie eine Deutscher Fußball Weltmeisterschaft?“ Betrachten wir einfach einmal das Näherinnen-Dilemma! Dieser Tage wird eine deutsche Unternehmerin dafür ausgezeichnet, dass sie mit lokalen Arbeitskräften und lokal hergestellten Stoffen aus lokaler Landwirtschaft Textilien herstellt. Mit der Lokalität ist es allerdings schon vorbei, wenn wir auf den Vertrieb schauen! Keine Rede mehr von einem geschlossenen lokalen Wirtschaftskreislauf! In ganz Deutschland können die Waren gekauft werden – im Online-Shop (mit anschließender Paketlogistik!!!) oder über ins Haus kommende Beraterinnen und natürlich auch ins europäische Ausland – aber in die Schweiz nur mit Tricks! Hmmmmm! Diese Dame ist übrigens auch als Bloggerin sehr aktiv – und kommentiert die Geschäftsmodelle anderer Unternehmer und deren vermeintlich mangelndes Bewusstsein für Nachhaltigkeit – und dann schreibt sie Artikel darüber, dass alle Nachhaltigkeit doch nur Lug und Trug und das Spiel mit dem Gewissen der Kunden ist. Hmmmmmmmm!
Was wäre also nun, wenn es sich nicht um den Erfolg einer kleinen Unternehmerin sondern um das Geschäftsmodell eines Milliarden-Euro-Bekleidungskonzerns handeln würde. Näherinnen in lokalen Fertigungen zu beschäftigen und fair zu entlohnen ist sicher eine gute Entscheidung. Doch sind der Import von Textilien und der globale Einkauf von Dienstleistungen in der Textilherstellung zwei der wesentlichen Import-Geschäfte des ehemaligen Exportweltmeisters, der nach wie vor mit einem riesigen Exportüberschuss den Weltmarkt bedient – was eben andere Märkte auch heute durchaus in Notlagen bringt. Jetzt also auch noch Textil-Exporteur!? Der Verzicht auf den Einkauf von entsprechenden Waren und Dienstleistungen in großem Stil ist also im Sinne einer fairen und ausgeglichenen Handelsbilanz sicher nicht nachhaltig. Der Einkauf bei einer lokal produzierenden Unternehmerin ist also eher eine Beruhigungspille für das geplagte Gewissen denn eine generelle nachhaltige gesellschaftliche Handlungsmaxime. Die Näherinnen in den Entwicklungs- und Schwellenländern sind ein wesentlicher Beitrag für den Außenhandel und zur Wettbewerbsfähigkeit der entsprechenden Staaten. Wer dieses nicht berücksichtigt, handelt alles andere als Nachhaltig.
Dass nun der Vorwurf der Ausbeutung der Arbeiter in den Billiglohnländer im Raum steht, ist abzusehen. Beschäftigen wir uns also mit dem Thema der fairen Entlohnung. Die Frage nach einer angemessenen Bezahlung einer Näherin im fernen Osten richtet sich dabei sicherlich nicht nach einem Vergleich mit den bei uns zu bezahlenden Löhnen sondern nach dem regionalen Lohnniveau – und ist ebenso Bestandteil einer Wettbewerbsfähigkeit, wie einer Mentalität und einer sozialen Regulierung in den entsprechenden Ländern. Da wir entsprechende Dienstleistungen aus diesen Staaten nutzen und einkaufen können, aber keine oder nur in geringem Umfang die Leistungen von Ingenieuren, Akademikern und anderer qualifizierter Tätigkeiten, können unsere Unternehmen und Einkäufer auch nur Einfluss auf diese Preis- und Entlohnungsgestaltung nehmen. Bezahlt aber ein regionaler Unternehmer in Asien auf Grund des Einflusses deutscher Konzerne seinen Näherinnen deutlich höhere Löhne, dann bedeutet dieses, dass qualifizierte Frauen lieber Näherin werden, um die Familie zu ernähren, als einen qualifizierten Beruf anzustreben. Damit werden Frauen absehbar aus der weiterführenden und höheren Bildung ausgeschlossen – mit dem Blick des Westens findet hier also eine Diskriminierung statt . Zahlt man weniger, dann natürlich auch – diskriminierende Ausbeutung könnte der Vorwurf lauten. Gleichzeitig gehen qualifizierte und talentierte Frauen für den Aufbau moderner und qualifizierterer Arbeitswelten verloren. Also ist es nicht als nachhaltig zu bezeichnen, wenn eine Näherin in einem entsprechenden Land mehr verdient, als eine Ingenieurin. Es ist Aufgabe der regionalen Systeme vor Ort, hier eine Lohnregulierung vorzunehmen. Doch für die Konzerne geht das Näherinnen-Dilemma noch weiter: Zahlen sie trotzdem an den Unternehmer in Asien und anderen Teilen der Erde „angemessene“ Preise, die dieser auf Grund der Lohnstruktur in seinem Land nicht an die Mitarbeiterinnen weitergeben kann oder will, dann ernten die Konzerne den Vorwurf, Ausbeuter zu unterstützen. Zahlen Sie dem Unternehmer nur den angemessenen Aufschlag auf die Löhne, dann wird ihnen Geldkolonialismus und Preisdumping vorgeworfen. Engagieren sich die Konzerne direkt vor Ort mit sozialen Programmen, um den Kindern der „schlecht bezahlten“ Näherinnen z.B. Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung zu ermöglichen, so wird dieses entweder als scheinheilig oder als Sozialkolonialismus interpretiert. Dabei ist sicher zu befürchten, dass diese Förderprogramme allzu oft unseren westlichen Vorstellungen von Gesellschaft, Bildung und Förderung entsprechen und damit tatsächlich so etwas wie ein Sozialkolonialismus darstellen – und eher zu einer Destabilisierung der entsprechenden Regionen beitragen. Für eine solche Destabilisierung braucht es nämlich keineswegs immer die kriegerische Demontage etablierter aber nicht unseren Vorstellungen entsprechender gesellschaftlicher Ordnungen. Zum „Think global.“ gehört eben wohl auch der Respekt vor der gesellschaftlichen Ordnung der einzelnen Regionen dieser Welt und der Verzicht darauf, die familiären Strukturen, gesellschaftlichen Ordnungen und wirtschaftlichen Gepflogenheiten mit unseren westlichen Maßstäben bemessen und bewerten zu wollen. Dabei wollen wir einmal außer Acht lassen, dass man sich in Zeiten von immer schneller aufeinanderfolgenden Finanzkrisen, notwendigen Währungsinterventionen und überbürdender Staatsverschuldungen der Industrieländer durchaus fragen muss, woher wir eigentlich die Arroganz nehmen, anderen Ländern den Weg für eine gesellschaftliche Ordnung aufzeigen zu wollen.
Um also auf das Beispiel unserer ausgezeichneten Textilunternehmerin zurück zu kommen: Wer „Act local. Think global.“ leben will, der darf seine Waren eben auch wirklich nur in einem geschlossenen Wirtschafts-, Waren- und Ressourcenkreislauf anbieten. Sobald er im Sinne einer Verbesserung seiner wirtschaftlichen Situation oder in der Auswertung einer Wettbewerbsposition oder eines Wettbewerbsvorteils diesen Kreislauf verlässt, dann unterliegt er oder sie eben weitaus komplexeren Zusammenhängen. Und ob eine Näherin in Bangladesch, die von ihrem – nach unseren Maßstäben – viel zu kleinen Gehalt, mit – nach unseren gesellschaftlichen Vorstellungen – zu langer Arbeitszeit und – nach unseren Sozialkriterien – nicht ausreichender Fürsorge, ihre Familie ernährt, einer deutschen Unternehmerin einen Nachhaltigkeitspreis verleihen würde, die ihr auch diesen Job streitig macht, wage ich zu bezweifeln. Und darum ist Bayern München am Ende der Saison eben auch nicht „Fußball Weltmeister“ – denn bis dahin haben sie sich nur mit deutschen Maßstäben messen müssen.
Nachhaltigkeit ist eben immer relativ – und vor allem relativ schwierig. Deshalb ist mir jeder lieb, der versucht in seinen Möglichkeiten etwas zu tun und nicht das Engagement anderer herabzuwürdigen. Wer im Glashaus sitzt …
Deshalb unterstütze ich den Sustainable Entrepreneurship Award (sea) , der Erreichtes bewertet und Engagement fördert und nicht Besserwisserisches.